Es gibt eine Eigenschaft, für die das Deutsche weltweit berühmt und berüchtigt ist: Man kann Wörter einfach aneinanderkleben, bis sie so lang werden, dass sie nicht mehr auf eine Zeile passen. Andere Sprachen brauchen für denselben Gedanken einen ganzen Satz. Das Deutsche baut ein einziges Wort.

Das bekannteste dieser Wortmonster war ein echtes Gesetz und es wurde 2013 abgeschafft. Hier ist die Geschichte des längsten deutschen Wortes, welches wirklich das längste ist, und warum genau diese Wörter für maschinelle Übersetzung zum Problem werden.

Der Rekordhalter: ein Rindfleisch-Gesetz

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz
63 Buchstaben

Dieses Wort war ein Gesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahr 1999. Es regelte die Übertragung der Aufgaben zur Überwachung der Rindfleischetikettierung eine Reaktion auf die BSE-Krise, den „Rinderwahn“. 2013 wurde es aufgehoben, weil eine EU-Vorgabe wegfiel, und mit ihm verschwand das inoffiziell längste Wort der deutschen Amtssprache.

Zerlegt man es, ergibt es plötzlich Sinn genau das ist der Trick der deutschen Komposita:

Rind·fleisch · Etikettierung · Überwachung · Aufgaben · Übertragung · Gesetz
= Gesetz zur Übertragung der Aufgaben für die Überwachung der Rindfleischetikettierung

Kein einziger Teil ist erfunden. Das Wort ist nur ein zusammengeschobener Satz.

Steht das im Duden?

Nein,  und hier wird es interessant. Der Duden nimmt solche Verwaltungsungetüme nicht auf. Das längste Wort im Duden ist deutlich zahmer:

Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung
36 Buchstaben · längstes Wort im Duden

Der Grund: Der Duden verzeichnet Wörter des allgemeinen Sprachgebrauchs. Fachbegriffe und Gesetzestitel lassen sich im Deutschen theoretisch unendlich verlängern deshalb zählen sie nicht als „Wörter“ im Wörterbuch-Sinne. Sprachlich möglich ist fast alles; lexikalisch anerkannt nur ein Bruchteil.

Und das berühmte Donaudampfschiff?

Der Klassiker:

Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän (42 Buchstaben) taucht in jedem Schulhof auf und lässt sich beliebig weiterbauen: hängt man -switwe oder -mütze an, wird er noch länger.

Genau das ist der Punkt: Solche Wörter sind keine festen Vokabeln, sondern Konstruktionen. Man erfindet sie im Moment des Sprechens. Deshalb gibt es streng genommen kein „längstes deutsches Wort“ nur das längste, das jemand tatsächlich amtlich verwendet hat.

Der eigentliche Weltrekord: 79 Buchstaben aus Wien

Wenn man die reine Buchstabenzahl zählt, schlägt ein noch längeres Wortmonster das Rindfleisch-Gesetz. Das Guinness-Buch der Rekorde führte 1996 dieses Ungetüm als längstes je veröffentlichtes deutsches Wort:

Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft
79 Buchstaben · Guinness-Rekord 1996

Es bezeichnete angeblich einen Unterverein für Beamte der Hauptverwaltung der elektrischen Dienste der Wiener Donaudampfschifffahrtsgesellschaft ein sprachliches Kuriosum aus der Vorkriegszeit, das eher als Zungenbrecher denn als echtes Verwaltungswort diente.

Doch das längste zusammengesetzte Substantiv mit tatsächlicher amtlicher Verwendung ist ein anderes. Als längstes Wort im „ernsthaften“ Gebrauch gilt eine Rechtsverordnung mit 67 Buchstaben:

Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung
67 Buchstaben · längstes Wort im amtlichen Gebrauch

Man sieht das Muster: Fast alle deutschen Rekordwörter stammen aus Recht und Verwaltung. Genau dort, wo Präzision zählt, schraubt die Sprache Begriff an Begriff, und genau dort landen diese Wörter später auf dem Tisch eines Fachübersetzers.

Das Geheimnis der Bindebuchstaben: das Fugen-s

Wer genau hinsieht, bemerkt etwas Seltsames: Zwischen den Bausteinen tauchen oft kleine Buchstaben auf, die in keinem der Einzelwörter stehen. In Donauschifffahrt oder Arbeitsamt sitzt ein s, das aus dem Nichts zu kommen scheint. Diese Bindeglieder heißen Fugenelemente am bekanntesten das Fugen-s, und sie verbinden die Teile eines Kompositums.

Das Tückische daran: Es gibt kaum feste Regeln, wann ein Fugen-s eingefügt wird und wann nicht. Schweinebraten hat keins, Schweinshaxe schon. Muttersprachler setzen es intuitiv; Lernende und Maschinen scheitern regelmäßig daran. Für die deutsche Grammatik sind Fugenelemente eine der subtilsten Baustellen überhaupt und ein weiterer Grund, warum die automatische Zerlegung langer Komposita so fehleranfällig ist.

Was Mark Twain über deutsche Wörter sagte

Kein Text über lange deutsche Wörter kommt an Mark Twain vorbei. In seinem Essay „The Awful German Language“ (1880) spottete der amerikanische Schriftsteller über die deutsche Angewohnheit, Substantive endlos aneinanderzureihen. Sein berühmtester Satz dazu:

„Some German words are so long they have a perspective.“
(„Manche deutschen Wörter sind so lang, dass sie eine Fluchtperspektive haben.“) — Mark Twain

Twain nannte solche Komposita spöttisch „alphabetische Prozessionen“. Was ihn zur Verzweiflung trieb, ist bis heute die Kernaufgabe jeder Fachübersetzung Deutsch Englisch: ein einziges deutsches Wort in einen ganzen, korrekt geordneten englischen Satz aufzulösen ohne dass dabei ein Bedeutungsbaustein verloren geht.

Warum Wortmonster andere Sprachen sprengen

Für Übersetzer sind diese Komposita nicht nur ein Gag, sondern tägliche Arbeit und ein Grund, warum maschinelle Übersetzung im Deutschen häufiger stolpert als in anderen Sprachen.

1. Das Wort muss erst zerlegt werden

Eine Übersetzungsmaschine muss ein zusammengesetztes Wort in seine Bestandteile trennen, bevor sie es überhaupt verstehen kann. Bei Fußbodenschleifmaschinenverleih (Verleih von Fußbodenschleifmaschinen) kann die falsche Trennung den Sinn komplett verdrehen. Menschen erkennen die Fugen intuitiv; Maschinen raten.

2. Die Reihenfolge kehrt sich um

Im Deutschen steht das Grundwort hinten: Ein Rindfleischetikettierung ist eine Etikettierung, kein Rindfleisch. Übersetzt man ins Englische oder Französische, muss die Reihenfolge komplett gedreht und in mehrere Wörter aufgelöst werden. Bei kurzen Komposita gelingt das automatisch bei langen Fachketten in Verträgen und technischen Handbüchern entstehen genau hier die Fehler.

3. Neue Wörter, die in keinem Wörterbuch stehen

Weil man im Deutschen jederzeit neue Komposita bilden kann, treffen Übersetzer ständig auf Wörter, die es zuvor nirgends gab besonders in Technik, Recht und Verwaltung. Kein Wörterbuch und kein Trainingsdatensatz kennt sie. Ein menschlicher Fachübersetzer erschließt die Bedeutung aus dem Kontext; ein Algorithmus hat dafür keine Grundlage.

Faustregel: Je länger und fachspezifischer ein deutsches Kompositum, desto größer der Qualitätsunterschied zwischen maschineller und professioneller Übersetzung und desto teurer ein Fehler.

Andere Sprachen, andere Rekorde

Sprache Berühmtes langes Wort Länge
Deutsch (amtlich) Rindfleischetikettierungs­überwachungs­aufgaben­übertragungsgesetz 63
Deutsch (Duden) Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung 36
Englisch (anerkannt) pneumonoultramicroscopicsilicovolcanoconiosis 45
Türkisch muvaffakiyetsizleştiricileştiriveremeyebileceklerimizdenmişsinizcesine 70

 

Das Deutsche ist also nicht die einzige Sprache mit Wortmonstern aber eine der wenigen, in der man sie im Alltag, in Behördenbriefen und Gesetzestexten tatsächlich antrifft. Für alle anderen bleibt am Ende die Frage: Wie übersetzt man das jetzt?

Warum das ein Fall für ein Fachübersetzungsbüro ist

Bei einem lockeren Satz reicht ein Übersetzungstool. Bei einem Vertrag, einer Betriebsanleitung oder einem Behördenschreiben wird aus dem sprachlichen Kuriosum ein Risiko. Genau die Komposita, die diesen Artikel unterhaltsam machen, sind in technischen Übersetzungen und juristischen Übersetzungen die Stelle, an der ein einziges falsch getrenntes Wort den Sinn kippt und damit haftbar macht.

Deshalb setzt professionelle Übersetzung hier auf muttersprachliche Fachübersetzer statt auf Automatik: Ein Mensch erkennt die Fugen eines neu gebildeten Kompositums aus dem Kontext, eine Maschine rät. Und wenn ein Dokument amtlich anerkannt werden muss, führt ohnehin kein Weg an einer beglaubigten Übersetzung vorbei etwas, das kein Algorithmus liefern kann.